Auf Einladung der Gemeinschaft der Europäischen Bahnen und Infrastrukturgesellschaften (CER) fand heute Nachmittag im gut besuchten Forum III in Halle C4 unter dem Motto “Die vollständige Öffnung des europäischen Eisenbahngüterverkehrsmarktes: Erste Bestandsaufnahme nach sechs Monaten“ der “Güterbahngipfel von München“ statt. Im Unterschied zum G8-Gipfel von Heiligendamm – so Moderator Michael Cordes, Redakteur der VerkehrsRundschau, allerdings “in der Öffentlichkeit und unter Mitwirkung der Zuhörer“.
In seinem Impulsreferat zum Einstieg konstatierte Jörg Hennerkes, Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, trotz der relativ weit fortgeschrittenen Liberalisierung in Deutschland: “Auf dem Papier haben wir zwar eine Marktöffnung, in der Praxis gibt es aber viele Hindernisse“. Von den unterschiedlichen Lokführerscheinen in den einzelnen Ländern bis zu den langwierigen technischen Zulassungen der Lokomotiven sei noch viel zu tun. In die gleiche Kerbe hieb auch Olaf Krüger, Senior Vice President Kühne + Nagel und Vorsitzender des Vorstandes der Interessengemeinschaft der Bahnspediteure (IBS): “Um den Strassenverkehr effizient anzugreifen, muss noch viel getan werden“.
Krüger stellte eine kurze Analyse des heutigen Schienengüterverkehrs in Europa vor. Danach setzt dieser sich so zusammen:
- 15 % Intermodalverkehr
- 45 % über Waggon-Ganzzüge
- 35 % Einzelwaggons im Rangiersystem
- weniger als 5 % Einzelladungsverkehr über Umschlagplattformen
Der Liberalisierungsgrad sei in diesen Bereichen allerdings sehr unterschiedlich. Insgesamt sah Olaf Krüger „rund 35 Prozent Potenzial für liberalis ierte Schienengüterprodukte“, denen heute lediglich ein Marktanteil von drei bis fünf Prozent gegenüberstehe. Kapazitätsengpässe – vor allem bei den Waggons – seien ein echtes Hemmnis.
In einer To-Do-Liste versuchte der IBS-Vorsitzende die drängendsten Fragen nach sechs Monaten “Open Access” zusammenzufassen: Beschleunigung der nationalen Umsetzung der Liberalisierung, Förderung der liberalisierten Bahnprodukte, Förderung privater Waggoninvestitionen sowie EU-kontrollierte Diskriminierungsfreiheit. Daneben gebe es aber noch viele andere gemeinsame Aufgaben, die angepackt werden müssten. Etwa massive Investitionen in die Bahninfrastruktur.
„Nur wenige Ex-Monopolbahnen – darunter die SBB Cargo – haben begriffen, was Liberalisierung bedeutet und sich einen Vorsprung aufgebaut, der von anderen Wettbewerbern kaum eingeholt werden kann“, lobte Krüger ausdrücklich die Schweizer Güterbahn. Nicolas Perrin, Stellvertretender Leiter und für den Geschäftsbereich International von SBB Cargo zuständig, schloss sich im Podium der Position von Jörg Hennerkes an: „Die Liberalisierung auf dem deutschen Güterbahnmarkt ist in der Tat schon sehr weit fortgeschritten und das nutzen wir auch erfolgreich“. Trotzdem könnten „gewisse Dinge noch offener“ sein, etwa bei der Nutzung von Trassen und Betriebseinrichtungen.
Perrin machte auch auf den „Unterschied zwischen Liberalisierung und Wirtschaftlichkeit“ aufmerksam. Zwar habe die Liberalisierung einige Probleme der früheren Staatsgüterbahnen beseitigt, etwa bei der Qualität. Doch damit sei noch kein wirtschaftlicher Betrieb gegeben, vor allem nicht im Wagenladungsverkehr. „Hier ist noch jede Menge Innovation nötig, um originelle Lösungen für unsere Kunden zu finden“, meinte Nicolas Perrin.
Das forderte aus dem Publikum auch ein Vertreter der pharmazeutischen Industrie, der gerne von der Strasse auf die Schiene wechseln würde. Zum Transport der leicht verderblichen Arzneimittel werden aber gekühlte Waggons benötigt. „Es gibt keinen Strom in den Wagen, obwohl die Loks mit Elektrizität betrieben werden“, klagte er. Die Antwort der Bahntechnikexperten auf dem Podium konnte ihn jedoch nicht so richtig zufriedenstellen. Technisch sei das Problem zwar lösbar, aber leider nicht wirtschaftlich zu realisieren. Das es auch anders geht, zeigt SBB Cargo mit dem wöchentlichen Bananentransport aus Bremerhaven in die Schweiz. Denn auch hier darf die Kühlkette nicht unterbrochen werden.